Eva Surma (Österreich) lebt in der Südsteiermark und arbeitet seit 1991 als Sprachtrainerin für Deutsch als Fremdsprache. 2005 hat sie mit einer Kollegin zusammen den feministischen verein-freiraum und 2007 die Frauenberatungsstelle in Leibnitz gegründet. Seit mehr als zehn Jahren ist sie Mitglied des Literaturkreis Lebring. Sie schreibt Lyrik und Prosa auf Deutsch und Italienisch. „Die Farbe sieben“ und „Wir, bewegende Steine“ enthalten Arbeiten von ihr in gebundener Form. Eva Surma schreibt auch für tagesaktuelle Medien und ihren Blog www.evasurma.eu. Einige ihrer Werke wurden bei italienischen, österreichischen und kroatischen Literaturwettbewerben prämiert. Zweimal monatlich präsentiert sie zusammen mit ihrem Hamburger Kollegen „Die Feministin in Leibnitz und der Piefke in Triest“, eine multikulturelle Radioshow im Freien Radio Salzkammergut. Aktuell arbeitet sie im Auftrag des Landes Steiermark am Steirerinnen Kabarett, das sich mit der Situation von Frauen auf dem regionalen Arbeitsmarkt auseinandersetzt.

 

Deutsch

 

Khadeja

 

Meine Freundin heißt Khadeja. Sie lebt seit sieben Jahren in Österreich. Zwei ihrer fünf Kinder sind in Graz geboren, aber alle haben islamische Namen, denn Khadejas Familie ist eine muslimische Familie. Mich stört das nicht. Wir sind orthodox. Ich habe Khadeja auf der Geburtenstation kennengelernt. Sie hat ihr viertes Kind bekommen und ich mein erstes. Da habe ich viel von ihrer Ruhe und Gelassenheit profitiert.

 

Khadeja war in ihrem Heimatland Juristin, wie ihr Mann. Nach dem Regimewechsel waren sie keine Juristen mehr sondern politisch Verfolgte. Sie haben für ihr Asylverfahren in Österreich drei Jahre gebraucht. Aber sie leben jetzt mit dem Konventionspass hier, das heißt, sie sind österreichischen StaatsbürgerInnen komplett gleichgestellt.

 

Beide haben rasch alle Deutschprüfungen abgelegt. Na klar! Wenn du es gewohnt bist, Gesetzestexte auswendig zu lernen, dann kannst du auch die deutsche Grammatik verstehen. Mein Mann und ich sind immer noch bei A2. Khadeja lernt jetzt für C1. Kurse kann sie sich nicht leisten, daher lernt sie autodidaktisch und legt regelmäßig Probeprüfungen ab. Sie schenkt sich wirklich nichts. Ihr Mann ist da nicht so ambitioniert. Ich denke, der hat sich damit abgefunden, dass er in Österreich nie wieder einen angesehenen Beruf haben wird. Er sitzt viel im Kaffeehaus herum und unterhält sich mit seinesgleichen. Wenn er wenigstens mit den Kindern die Hausaufgaben machen würde. Aber er sagt, das beansprucht ihn nervlich zu sehr. Also diesbezüglich ist er ein echter Österreicher, meine ich. Im Ausredenfinden fehlt ihm nix.

 

Khadeja hat nie in Österreich gearbeitet, weil sie ja mit den Kindern komplett eingedeckt war. Welche Österreicherin kriegt heute noch fünf Kinder? Kennst du eine? Jetzt gehen die großen drei schon ins Gymnasium, aber die zwei Kleinen! Auf die hätte ich mich nicht eingelassen. Khadeja hat auch nicht gedacht, dass sie noch weitere Kinder bekommen wird. Aber in diesen Sachen verlässt man sich halt besser nicht aufs denken. Ihre Deutschlehrerin hat Begriffe wie Vasektomie im Unterricht erklärt. Das war allen peinlich, hat Khadeja gesagt. Aber zugehört hat sie. Ihr Mann allerdings wollte davon nichts wissen. Ich denke, der wird ihr schon noch zwei oder drei anhängen. Das ist so einer, der damit zufrieden ist, wenn er seiner Frau die Karriere verdirbt, weil er selbst keine haben kann. Auch ziemlich österreichisch, denke ich.

 

Khadeja aber ist so eine Frau, die lässt sich nicht entmutigen. Sie findet sich mit allen Gegebenheiten ab. Immer fällt ihr eine Situation ein, die sie schon gemeistert hat, also wird auch die nächste Herausforderung sie nicht aus der Bahn werfen.

 

Das AMS stellt sie vor die Wahl, ob sie eine Ausbildung zur Pflegehelferin machen will oder zur Tagesmutter und Kinderbetreuerin. Oder im Gastgewerbe kann sie als Hilfskraft arbeiten. Aber dort mag man eigentlich kein Kopftuch. Ob sie das Kopftuch denn nicht wenigstens zum Arbeiten ablegen möchte. Nein. Das möchte Kahadeja nicht. Sie macht die Ausbildung zur Kinderbetreuerin, mit Auszeichnung. Auch alle Praktika absolviert sie mit Bravour. Ihre Abschlussarbeit schreibt sie über den Vorzug von multikulturellen Kindergruppen. Wie wichtig es ist, dass alle Kulturen gleichwertig sind. Wie soll man einander sonst kennenlernen, wenn es Menschen mit guter und schlechter Kultur gibt?

 

Khadeja ist glücklich und stolz. Viele Frauen, die länger da sind als sie können nicht solche Erfolge vorweisen. B2 völlig alleine gelernt, ohne Finanzierungsunterstützung. Und dann ein Kinderbetreuungsdiplom, summa cum laudis. Und auf dem Weg zu C1. Wer schafft sowas?

 

Sechs Monate später hat sie immer noch keine Arbeit, obwohl sie weiß, dass Kinderbetreuerinnen gesucht werden, wie die Stecknadel im Heuhaufen. Sie hat unzählige Bewerbungen geschrieben. Auch der Bürgermeister kann ihr nicht helfen. Eine japanische Freundin von Khadeja hat mittlerweile dieselbe Ausbildung abgeschlossen und bekommt einen Monat später die Stelle, für die Khadeja sich beworben hat. Ihr hat man gesagt: schon vergeben!

 

Oft antwortet man Khadeja auch, dass sie die österreichische Staatsbürgerschaft brauche. Mit dem Konventionspass sei sie Österreicherinnen gleichgestellt, antwortet Khadja, die in Gesetzestexte versteht. Aber sie sei keine Europäerin, sagen dann die anderen. Vom Kopftuch sagt niemand was zu ihr.

 

Auch die Gleichbehandlungsanwaltschaft, die Antidiskriminierungsstelle und die AK können Khadeja nicht helfen und finden viele weitere Gründe, warum das alles so schwer ist. Das AMS streicht Khadeja die Hälfte des Arbeitslosengeldes, das sie ohnehin nur bekommt, weil sie die Ausbildung abgeschlossen hat. Khadeja soll jetzt putzen oder kellnern gehen. Das will sie aber nicht. Wozu hat sie die Ausbildung. Nun bekommt sie nur mehr 40% vom Arbeitslosengeld, als Disziplinierungsmaßnahme. Wieso muss sie aber auch so stur sein?

 

Ich habe ihr geraten entweder das Kopftuch abzulegen, oder sich an die Zeitung zu wenden. Aber Khadeja ist so uneinsichtig. „Möchtest du Muslima werden?“ fragt sie mich bei einem Gespräch. Natürlich möchte ich das nicht. „Siehst du,“ sagt Khadeja. Und ich bin Muslima und kann nichts anderes werden. Gelten die Menschenrechte für mich nicht?“

 

Khadejas Mann hat jetzt gut lachen. Er hat ja gleich gesagt, dass das mit der Ausbildung ein Blödsinn ist. Wenn sie kleine Kinder beaufsichtigen will, dann soll sie halt noch welche bekommen, sagt er mit einem Augenzwinkern.

 

Ich las ihre Dichter und trug ihre Tracht. Ich putzte ihre Toiletten und steckte mir am Sonntag die Zöpfe hoch. Das Spiel, das sie spielten, durchschaute ich. Die Regeln lagen auf der Hand. Eine davon lautete: Wer nicht dazugehört, darf nicht mitspielen. Dass ich mich zugehörig fühlte, zählte nicht. Wie kann ich einen kühlen Kopf und einen klaren Blick behalten? Und wieder rettet mich das Schreiben. Es findet mich, und ich mich in ihm. Erst als ich sah, dass meine Texte auf Gegenliebe stießen, bemerkte ich, dass wir viele sind.